Jörg und seine geliebte alte Polsternähmaschine

Abschied von einer alten Weggefährtin

Es war einmal …

… Anfang der 80er Jahre in einem kleinen sächsischen Ort in der DDR. 17 Jahre musste man auf einen Trabant warten. Orangen gab es nur auf Zuteilung. Auch mit Nähmaschinen sah es nicht besser aus.

Fast drei Jahre hartnäckiger Beziehungsaufbau zu den Mitarbeitern des Nähmaschinenhauses Bula in Nordhausen waren nötig, bis ich endlich die begehrte Polsternähmaschine mein eigen nennen konnte. Wenn man bedenkt, dass nur 8 Maschinen im Jahr für die ostdeutsche Wirtschaft produziert wurden, ging das erstaunlich fix.

Jörg und seine geliebte alte Polsternähmaschine
Jörg und seine geliebte alte Polsternähmaschine

Mit dem Moskwitsch und Anhänger brauste ich mit meinem Vater Werner Reichelt nach Nordhausen, um das begehrte Schätzchen abzuholen. Zuhause in Ruppendorf wurde das neue Familienmitglied gespannt erwartet. Die nächsten 10 Jahre tat es nun ohne zu murren seinen Dienst. Kein Wunder, denn bei jedem unregelmäßigem Geräusch holte ich sofort die Ölkanne heraus, um mit einem Tropfen Öl das Knacken und Rattern beseitigt.

Mein neues Schätzchen ratterte mit seiner Nadel vergnügt vor sich hin, manchmal sogar durch Möbelstoff, welcher eigentlich für das NSW (nichtsozialistisches Ausland) bestimmt war. Wie sagte schon Erich Honecker so oder ähnlich: „Wir stellen hochwertige Möbel her, die zur immer besseren Befriedigung der Bedürfnisse der Bevölkerung dienten.“ Wer zu diesen Zeiten gelebt hat, kennt den Spruch.

Mitte der 90er Jahre wurde das gute Stück seinem Altenteil zugeführt. Die schnellere Zeit erforderte schnellere Maschinen. Obwohl meine geliebte alte Maschine noch ihren Dienst tat, wurde sie ausgetauscht. Erst durfte sie noch den neuen Maschinen beim Nähen zusehen. Später bekam sie einen netten Platz im Parkettlager bei Buche, Eiche und Co.

Freude und Leid liegen nach beieinander. Traurig muss ich heute Abschied nehmen von meiner alten Weggefährtin. Dafür ist diese seit einigen Tagen eine glückliche alte Nähmaschine. Sie fand eine neue Besitzerin und darf ab jetzt in Norddeutschland Taschen nähen.

Ich wünsche ihr viel Freude und Erfolg bei ihrer neuen Aufgabe. Vielleicht hören wir mal wieder von einander.

In Liebe

Jörg Reichelt

 

Schreibe einen Kommentar